Gastbeitrag von Andreas Reimers: Erwarte nichts und lebe glücklicher

Gastbeitrag von Andreas Reimers: Erwarte nichts und lebe glücklicher

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Andreas Reimers ist Trainer für Kommunikation und Veränderungsmodelle mit Schwerpunkt Potenzialentwicklung und Mitarbeiterführung. In seinem Gastbeitrag erklärt er, wieso deine Erwartungen der Grund für deine miese Laune sein können – und wie du es schaffen kannst, deine Erwartungen herunterzuschrauben und glücklicher zu leben. Du möchtest mehr über Andreas erfahren? Hier geht es zu seinem Coachimo-Profil.

Erwarte nichts und lebe glücklicher

Vieles in unserer Gesellschaft ist gesteuert. Gesteuert durch Erwartungen: Erwartungen der Eltern, des Partners, des Arbeitgebers oder der Kunden. Sie erwarten alle ein bestimmtes Verhalten von uns. Spannenderweise erwartet allerdings jeder ein anderes Verhalten, je nachdem in welcher Rolle wir uns gerade befinden. Sind wir Mann oder Frau, sind wir gerade Elternteil oder Kind, Auftraggeber oder Auftragnehmer, Freund oder Kollege,...

Häufig sind die jeweiligen Erwartungen stillschweigend in der Gesellschaft verankert und werden ohne groß drüber nachzudenken von Generation zu Generation weitergegeben. Auch in unserer Sprache ist das Wort „Erwartung“ stets präsent. „Das habe ich jetzt so nicht erwartet“; „Ich hab eigentlich erwartet, dass…“; „Was soll man von xy auch anderes erwarten“; „Er hat den Erwartungen entsprochen“, um nur ein paar Beispiele zu nennen.

Wie können wir mit Erwartungen umgehen?

Der Umgang mit den Erwartungen anderer ist die eine Sache. Hier werden Maßstäbe anderer Menschen an uns angelegt und häufig bekommen wir es nicht einmal mit, wenn wir diese Erwartungen nicht erfüllen. Wir werden dann lediglich mit den Resultaten konfrontiert und tappen ob der Ursachen oft im Dunkeln.

Der Umgang mit unseren eigenen Erwartungen – an uns selbst und an andere – ist eine ganz andere Sache. Denn deine eigenen Erwartungen spielen sich direkt in dir ab. Du spürst die Reaktionen deines Körpers unmittelbar und ohne Verzögerung – in Form von deinen Gefühlen. Und diese fallen oftmals äußerst negativ aus, zumindest wenn die Erwartungen nicht erreicht, also enttäuscht werden.

Haben Erwartungen wirklich soviel Macht?

Doch wie kommt es, dass wir unseren Erwartungen soviel Macht zugestehen? Oder ist es vielmehr so, dass wir einfach keine Kontrolle über unsere Erwartungen haben?

Erwartungen sind direkt mit unserem Belohnungssystem im Hirn verdrahtet und spielen auch bei Gewohnheiten eine entscheidende Rolle. Das hat eine Cambridge-Studie in den 1980er Jahren eindrucksvoll nachgewiesen. Im Rahmen einer Experimentenreihe wurde Julio, einem Affenmännchen mit Vorliebe für Traubensaft, beigebracht, dass er, eine Belohnung in Form von Traubensaft bekommt, wenn er bei bestimmten Symbolen auf dem Bildschirm an einem Hebel zieht.

Nach anfänglich eher mäßigem Interesse starrte er wie gebannt auf den Bildschirm sobald er die Verknüpfung hergestellt hatte. Ein ums andere Mal löste er die Aufgabe und erhielt seine Belohnung. Dieser Lernprozess ist uns schon seit dem Pawlow’schen Hund bekannt. Das Interessante passierte auf einer anderen Ebene.

Julio hatte eine Elektrode im Hirn, mit Hilfe derer die Wissenschaftler seine Hirnaktivität in Echtzeit nachvollziehen konnten. Diese Sonde zeigte den Wissenschaftlern, dass immer, wenn Julio eine Belohnung erhielt, seine Hirnaktivität stark anstieg, und zwar in einer Art und Weise die darauf schließen ließ, dass Julio so etwas wie Lust empfand. Die Reaktionen des Affen ließen auch darauf schließen, dass ihm seine Belohnung gefiel und er mehr von dem Saft wollte.

Im Laufe der Zeit jedoch fiel auf, dass sich der Zeitpunkt von Julios „Lustreaktion“ im Gehirn verschob. Zu Beginn erfolgte die Hirnaktivität für „Belohnung“ in dem Moment, in dem er den Saft erhielt. Nachdem Julios Gehirn erlernt hatte, was passiert, begann es die Lustreaktion vorweg zu nehmen. Julios Gehirn antizipierte die Belohnung und löste die Lustreaktion aus, bevor es den Saft im Mund spürte – also bevor er die Belohnung tatsächlich bekommen hatte.

Er hatte aufgrund eines speziellen Auslösereizes eine Erwartung entwickelt, die eine für ihn zu erwartende Realität vorwegnahm. Er spürte schon vorher, was ja gleich sowieso eintreten wird.

In diesem Moment änderten die Wissenschaftler den Versuch: Manchmal kam der Saft nur sehr stark verdünnt bei Julio an, manchmal gab es gar keinen Saft. Für Julios Belohnungssystem war der Saft jedoch schon da. Die Erwartungen des Affenmännchens wurden also enttäuscht: Julio reagierte frustriert und wütend oder niedergeschlagen und deprimiert. Zudem dauerte es im Anschluss noch eine ganze Weile, bis er sich emotional wieder „erholt“ hatte.

Welche Bedeutung hat das für dich?

Nehmen wir an, ein Mensch erwartet immer nur Perfektion und Höchstleistungen von sich und anderen. So bedeutet das, dass er immer wieder unzufrieden, enttäuscht, frustriert oder wütend ist, sobald er oder seine Umwelt das von ihm erwartete Ergebnis nicht erreichen. Das macht er nicht bewusst. Es ist sein Belohnungssystem, welches das Gefühl des positiven Ergebnisses vorwegnimmt und bei Nicht-Erreichen die negativen Reaktionsweisen anwendet. Es hat keine andere Alternative mehr. Nachdem das Belohnungssystem durch die Erwartung eine positiv wahrgenommene Emotion ausgelöst hat, welche dann in der Realität keine Rechtfertigung erfährt, bleibt unserem Gehirn nicht anderes übrig, als die andere Seite der Skala zu nutzen. Es teilt uns mit, dass hier etwas (aus der Sicht des erwartenden Gehirns) schiefgegangen ist.

Die Schlussfolgerung für dich könnte jetzt Lauten: Je höher die Erwartungen sind, die du an dich und deine Umwelt stellst, desto häufiger werden diese nicht erfüllt und desto häufiger wirst du mit negativen Reaktionen zu kämpfen haben. Das würde dir aber nicht nur viel Zeit und Energie rauben, sondern auch dir, deinen Freundschaften und deiner Partnerschaft schaden. Denn wer umgibt sich schon gerne mit „Miesepetern“?

Gute Entscheidungen triffst du nur mit guten Gefühlen!

Was also kannst du verändern?

  • Mach eine „Erwartungsliste“ und notiere dir jede Art von Erwartung, die dir auffällt. Beziehe dein Umfeld aktiv mit ein und bitte um Feedback. Es wird dir helfen deine Perspektive zu verändern.
  • Stell jede dieser Erwartungen auf den Prüfstand:
  • Ist das wirklich meine Erwartung oder habe ich sie übernommen?
  • Welchen Zweck erfüllt sie?
  • Hat ihr Erreichen irgendeinen positiven Nutzen für mich?
  • Wie realistisch ist es, dass ich die Erwartung in mindestens 95 Prozent der Fälle erfülle und mich als Folge davon gut fühle?
  • Habe ich diese Erwartung an mich oder den betreffenden überhaupt kommuniziert? Wenn ja, wann das letzte Mal?
  • Was verändert sich, wenn ich die Erwartung herunterschraube und mir (und anderen) stattdessen viele kleine Meilensteine setze, die einfacher zu erreichen sind?

Sei sanft zu dir, freu dich über jeden kleinen Schritt, der dir gelingt, und erlebe selbst wie schnell du dich permanent besser fühlst.