Digitale Kommunikation im Coaching: Der Wandel hat längst begonnen

Digitale Kommunikation im Coaching: Der Wandel hat längst begonnen

Digitale Kommunikation im Coaching: Der Wandel hat längst begonnen

[Gastbeitrag] Die Kommunikation mittels digitaler Medien ist in den vergangenen Jahren ein bedeutender Bestandteil der Gesprächskultur geworden. 1,5 Milliarden Personen weltweit nutzen z.B. den Messengerdienst WhatsApp, davon eine Milliarde täglich. Über WhatsApp werden täglich 55 Milliarden Kurznachrichten, 4,5 Milliarden Fotos und eine Milliarde Videos verschickt.

Wie alle kommunikationsbasierten Dienstleistungen wird sich also auch das Coaching-Angebot auf den digitalen Wandel einstellen müssen, unabhängig davon, das derzeit noch mit unterschiedlichen Begriffen wie Online-Coaching, e-Coaching, digitales Coaching, Coaching 2.0 oder Virtuelles Coaching gearbeitet wird.

Bei allen Angeboten geht es darum, dass die individuelle Beratung und der persönliche Kontakt im Coaching nicht mehr notwendig von Angesicht zu Angesicht am selben Ort stattfinden müssen. Diese aus Sicht des „klassischen“ Coachings disruptive Veränderung schafft neue Settings, die Coach und Coachee nutzen können.

Aus dem analogen Gespräch am selben Ort wird ein technikvermittelter Dialog. Diese Änderung hat für die Übermittlung der verschiedenen Aspekte Konsequenzen: Während bei einer persönlichen Begegnung immer alle Sinne angesprochen werden können, ist dies bei einer digitalen Begegnung nur eingeschränkt möglich und der Wahrnehmungsraum ist durch die jeweilige Kommunikationsform beschränkt und bestimmt.

Wandel der Mediennutzung im Coaching

Digitaler Wandel

Für das digitale Coaching gibt es hauptsächlich vier Möglichkeiten: Coaching per Telefon, Coaching per Videotelefonie (Anbieter wie Skype, Facetime), Caoching per E-Mail und Coaching per Messengerdienst (Anbieter wie WhatsApp, Threema).

Jede digitale Coachingform bringt gegenüber dem altvertrauten one-to-one eine Reduzierung der Sinneswahrnehmung mit sich, wobei die reduzierteste Form die der Kommunikation per Messengerdienst ist. Wie bei der E-Mail sind Coach und Coachee im Moment des Dialogs unsichtbar und unhörbar.

Auftragsklärung, Anliegen, Zielfestlegung und auch Hypothesen bzw. Interventionen müssen über einen dieser Wege erfolgen und sind durch die Wahl des Mediums eher auf kurze Aussagen und reduzierte Beschreibungen beschränkt, Mündlichkeit wird teilweise ganz durch Schriftlichkeit ersetzt.

Digitale Kommunikation im Coaching macht flexibler

Anbieter dieser Methoden sehen einen großen Vorteil u.a. darin, dass das Coaching „on-demand“ stattfinden kann, also keine langfristige Terminvereinbarung erforderlich ist. Es ist zudem ein zeitversetzter Dialog möglich, der unabhängig von der persönlichen Umgebungssituation eine diskrete Konversation ermöglicht. Bezogen auf einen angenommenen Bedarf eines Coachees nach Anonymität, kann diese hier vollständig gewahrt werden. Seitens des Coaches ermöglicht ein Messenger-Coaching ebenfalls einen punktuellen Einsatz außerhalb der Praxisräume. Grundsätzlich ist sogar denkbar, dass sich mehrere Coaches zeitversetzt mit demselben Sachverhalt befassen und damit z.B. eine Betreuung des Coachees rund um die Uhr gewährleistet werden kann.

Allen vier Varianten ist gemeinsam, dass die Übermittlungskanäle gegenüber dem analogen Coaching in Bezug auf die Sinneswahrnehmung stark reduziert sind. Die Abhängigkeit der Kommunikation von technischen Mitteln ist im digitalen Coaching hoch, im analogen Coaching spielt sie maximal für die Terminvereinbarung eine Rolle. Während bei der Vereinbarung eines klassischen Coachingtermins wenig Flexibilität hinsichtlich Zeit und Ort besteht, bieten die digitalen Möglichkeiten mehr Möglichkeiten durch geringere Ortsabhängigkeit und sind, zum Beispiel beim E-Mail oder WhatsApp-Coaching, auch nicht unbedingt termingebunden. Die Anonymität, sofern gewünscht, ist beim telefonischen und E-Mail Coaching am höchsten, beim analogen Gespräch am niedrigsten, selbst wenn unter falschem Namen agiert wird.

Digitale Fehlinterpretationen vermeiden, identisches Verständnis schaffen

Die Reduzierung birgt aber auch Risiken: Es besteht aufgrund fehlender Übermittlung von Mimik, Gestik und Akustik die Gefahr des Missverstehens durch Fehlinterpretation eines geschriebenen Satzes (z.B. weil Satzzeichen fehlen, die eine Frage oder Aussage konkretisieren könnten), ebenso können Schreib- und Tippfehler den Aussagewert einer digitalen Botschaft verändern, ohne dass es dem Sender der Botschaft bewusst ist.

Auch die Aspekte, die in der Tabelle unter „Verstehen“ zusammengefasst sind, werden durch das digitale Coaching vielfach limitiert. Je weniger gesprochen wird, desto höher wird der Interpretationsspielraum beim Empfänger und desto schwieriger wird es komplexe Sachverhalte zu erfassen. Nutzt man E-Mail oder Messenger, besteht ergänzend die Möglichkeit, Emotionen zu verbildlichen, in dem ein oder mehrere Emojis verwendet werden, um den Inhalt der Aussage zu unterstreichen. Dies setzt jedoch voraus, dass der Empfänger der Nachricht ein identisches Verständnis der Bedeutung der verwendeten Symbole hat, dies kann und sollte jedoch auch schon zum Gegenstand der Auftragsklärung und Coachingvereinbarung gemacht werden

Digitales und analoges Coaching im Vergleich

tabelle

Im direkten Vergleich aller technikbasierten Varianten ist das Video-Telefonat dem analogen Coachingsetting am nächsten, Coaching über einen Messengerdienst bzw. E-Mail sind dagegen am weitesten von den Bedingungen und Möglichkeiten des analogen Settings entfernt. Diesem setzen sie eine höhere zeitliche und örtliche Flexibilität sowie die Chance der Anonymität entgegen.

Digitales Coaching ist wirtschaftlich

Betrachtet man die digitalen Formen unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten, so ergeben sich deutliche Vorteile durch die fehlende örtliche und zeitliche Bindung und eine ganz neue Flexibilität. Der unkomplizierte Zugang zum Coach und Coaching senkt die Eintrittsbarrieren, dabei erhöht sich die Reichweite nahezu unbegrenzt bei kurzer Reaktionszeit. Für die Gründung einer eigenen Coachingpraxis entstehen, wenn man sich ausschließlich auf die digitalen Möglichkeiten fokussiert, viel geringere Opportunitätskosten, da keine oder nur im Bedarfsfall Räume angemietet werden müssen. Auch für den Coachee oder ein Unternehmen als Auftraggeber ergeben sich Vorteile. Reisekosten und –zeiten entfallen und damit wird die Ausfallzeit des Coachee kürzer und der Coachingprozess zeitlich effizienter.

Erfolgreiche Integration digitaler Mittel - die eigene digitale Strategie

Grundsätzlich werden die persönliche Präferenz, die Medienkompetenz sowie das Bedürfnis des Coachees und damit auch des Marktes darüber entscheiden, ob der Coach digitales Coaching anbieten möchte. Gleiches gilt für die Nachfrage seitens der potenziellen Coachees, die möglicherweise schon davon ausgehen, dass das Coaching auch ein digitaler Prozess ist.

Um zukünftig mit digitalen Kommunikationsmitteln im digitalen Wandel erfolgreich zu sein, ist ein kurzer Selbstcheck hilfreich. Stehe ich als Coach am Beginn meiner Tätigkeit wird ein klassisches Setting mir helfen, die analogen Signale möglichst vollständig zu empfangen und auszuwerten. Bei größerer Sicherheit und/oder grundsätzlich hoher Souveränität im Umgang mit digitaler Kommunikation kann und sollte dann eine digitale Strategie entwickelt und zum Beispiel im nächsten Schritt zum Angebot der Videotelefonie übergegangen werden.

Dies sollte stets in dem Bewusstsein erfolgen, dass durch jedes digitale Medium Restriktionen bestehen, die mit dem erwarteten Nutzen abgewogen werden müssen: Wenn ich die Beschränkungen kenne, kann ich damit arbeiten und erfolgreich digital coachen.

Zur Gastautorin Daniela Gehring

Daniela Gehring

Daniela Gehring ist Rechtsanwältin und verantwortete nach ersten Erfahrungen in der Personalberatung über 12 Jahre die Themen Personal und Organisationsentwicklung bei einem mittelständischen Marktführer für Branchensoftware. Sie ist darüberhinaus Absolventin des INeKO-Instituts an der Universität zu Köln als Systemischer Coach und Veränderungsmanagerin. Ihr Interesse als Coach gilt derzeit der Veränderung im Coaching durch die Nutzung digitaler Kommunikationswege.

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